Der Schritt zur überfluteten Natur Aue ist nicht mehr möglich.

25.05.2019

Die Geschichte des Rheinausbaus ist spannend. In der Überlieferung zur Umwelt der

Rheinauen haben sich feste Meinungen heraus gebildet. Sie werden im Artikel „Leben

mit dem Rhein" (BZ-Serie „Leben mit dem Rhein", Folge 6, vom 24.05.2019) sehr

anschaulich geschildert. Sie decken aber nicht alles ab, was wichtig ist, um den Rhein

und seine Auen zu verstehen. Da ist zuerst der Wildstrom, der angeblich alles zer-störte

und vor dem die Menschen panische Angst hatten. Der Rhein war nicht nur unbequem.

Er war die entscheidende Lebensader, Verkehrsweg, Rohstoffquelle. Seit dem Mittelalter

hatten Städte wie Neuenburg und Breisach die Hoheit über den Rhein. Alle Inseln im

Rhein hatten sie vollständig im Griff: Auf ihnen waren ihre Gärten, Äcker, die

Weidegebiete für ihr Vieh und Holz-Plantagen. In diesen ernteten sie große Reisigbündel

von Weiden, mit denen sie Uferbereiche und Inseln vor der Erosion des Flusses schützten.

Der Rhein konnte sich nur in Ausnahmefällen wild gebärden. Im Normalfall fuhren die

Menschen jedes Jahr Ernten ein. Es gibt viele Orte in der Rheinaue, die schon über 1000

Jahre in der Aue leben und nicht vom Rhein vertrieben wurden. Ein Beispiel ist die

Gemeinde Au am Rhein bei Rastatt, die dieses Jahr das 1200 jährige Dorfjubiläum feiert.


Das Leben der Badischen Rheingemeinden von Basel bis Karlsruhe änderte sich dramatisch,

als Frankreich das Heft über den Rhein in die Hand nahm. Das Königreich definierte von

1681 an bis zum Wiener Kongress 1815, wo der Rhein genau fließt. Gut gerüstet mit einer

fähigen Wasserwirtschaftsverwaltung, drückte das Königreich den Rhein systematisch

nach Baden. Schlüssel dazu waren militärische Dominanz und Vorsprung im Dammbau

im Elsass über 130 Jahre hinweg. Tulla greift spät in das Geschehen ein. Er erlebte die

riesigen Einbrüche des Rheins in die Badischen Rheinauen während der Napoleonischen

Kriege. In den Kriegsnöten konnten in Baden keine sicheren Dämme gebaut werden.

Nur unzureichende Notmaßnahmen waren möglich. Aber der Plan reifte im Großherzogtum

Baden, durch die Rheinkorrektion eine feste Grenze zum übermächtigen Nachbarn

Frankreich auf Dauer zu erreichen. Tulla bereitete die Korrektion vor. Jedes Detail musste

haarklein mit Frankreich abgestimmt werden und Baden musste viele Zugeständnisse machen.


Der Verlust an überfluteten Auenflächen geht mit dem Dammbau seit dem Mittelalter einher.

Der Rheinausbau nach der Flussbegradigung, wiederum stark beeinflusst durch Frankreich,

veränderte die Ökologie der Aue noch mehr als die Rheinkorrektion. Der Schritt zur

überfluteten Natur Aue ist nicht mehr möglich. In der veränderten Kultur Aue von heute

geht es nicht um Rückgewinnung von Überflutungsflächen, sondern um den notwendigen

Hochwasserschutz. Der fordert seinen Preis in umfangreichen Infrastrukturmaßnahmen

in den Gemeinden und in dauerhaften Belastungen der Auewälder in den Hochwasser

Rückhalteräumen.

Helmut Volk, Freiburg